„Nachhaltigkeit darf an einer Universität kein Nebenthema sein“
14.04.2026
Interview mit Ralf Ludwig, Chief Sustainability Officer der LMU, zur neuen Nachhaltigkeitsstrategie der Universität
14.04.2026
Interview mit Ralf Ludwig, Chief Sustainability Officer der LMU, zur neuen Nachhaltigkeitsstrategie der Universität
Mit einer neuen Nachhaltigkeitsstrategie will die LMU das Thema weiter voranbringen – und die zahlreichen bereits bestehenden Initiativen in Forschung, Lehre, Transfer und Campusbetrieb stärker bündeln. Was das konkret bedeutet, erklärt Professor Ralf Ludwig, Chief Sustainability Officer der LMU, im Interview.
Prof. Ralf Ludwig ist Chief Sustainability Officer der LMU.
Heute wird die neue Nachhaltigkeitsstrategie der LMU veröffentlicht. Welche Bereiche der Universität betrifft sie?
Eigentlich fast alle. Viele denken bei Nachhaltigkeit ja zuerst an Strom, Heizung oder Mülltrennung. Aber unsere Strategie geht deutlich weiter. Es geht um die Haltung der Universität, um Forschung, Studium und Lehre, um den Campusbetrieb, um soziale Nachhaltigkeit und um den Austausch mit der Gesellschaft. Nachhaltigkeit soll dabei nicht irgendwo nebenherlaufen, sondern in sämtliche Entscheidungen und Abläufe der LMU hineinwirken und dabei stets mitgedacht werden.
Welche Ziele setzt sich die LMU zum Beispiel in der Forschung?
Zum einen wollen wir als forschungsstarke Universität dazu beitragen, dass Gesellschaften mit den großen Herausforderungen unserer Zeit besser umgehen und Zukunft gestalten können. Das kann Grundlagenforschung zur Energiewende sein oder Forschung zur Bekämpfung neurodegenerativer Erkrankungen. Nachhaltigkeit ist ein Thema für alle Fächergruppen. So ist Forschung zu kultureller Vielfalt und gesellschaftlichem Wandel wichtig. Und schon heute gibt es an der LMU zahlreiche Publikationen mit Bezug zu den UN-Nachhaltigkeitszielen.
Auf der anderen Seite soll aber auch die Forschung selbst nachhaltiger werden – und etwa mit Ressourcen wie Energie, Materialien und Arbeitsabläufen bewusster umgehen. Dazu gehört auch, Forschung im Zuge von Open Science möglichst transparent und zugänglich zu machen, damit Ergebnisse nachvollziehbar sind und von anderen weiter genutzt werden können. Zudem müssen wir klare ethische Standards setzen – etwa in Forschungsbereichen, die immer stärker mit KI arbeiten.
Unser Ziel ist, dass die LMU ein Ort ist, an dem neue Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit entstehen, diskutiert und in die Gesellschaft getragen werden.Prof. Ralf Ludwig, Chief Sustainability Officer
Welche Strategien verfolgt die LMU in Lehre und Studium?
Unser Ziel ist, dass Studierende dem Thema im Studium wirklich begegnen, und zwar nicht nur zufällig in einem einzelnen Seminar. Mit dem neuen Nebenfach Nachhaltigkeit, das im Wintersemester startet, können künftig alle Bachelorstudierenden das Thema in ihr Studium integrieren.
Zudem hat die LMU als erste Universität in Bayern ein Erweiterungsfach „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ für Lehramtsstudierende etabliert und nimmt damit eine Vorreiterrolle in der systematischen Verankerung von Nachhaltigkeit in der Lehrkräftebildung ein. Statt Nachhaltigkeit nur als Lernstoff zu behandeln, sollen Studierende damit auch Fähigkeiten entwickeln, die sie später in sehr unterschiedlichen Berufen brauchen – Urteilsvermögen etwa, Gestaltungskompetenz, aber auch Empathie.
Studium und Lehre orientieren sich dabei am Konzept der Inner Development Goals: Menschen brauchen demnach nicht nur Wissen, sondern auch innere Fähigkeiten, um mit Veränderungen verantwortungsvoll umgehen zu können. Egal, ob jemand später in einer Schule, in einem Unternehmen, in einem Labor oder im kulturellen Bereich arbeitet: Nachhaltigkeit soll etwas sein, das sie auch später in ihrem Denken und Handeln begleitet.
Welche Nachhaltigkeitsziele setzt sich die LMU denn auf dem eigenen Campus, und welche besonderen Herausforderungen gibt es dort?
Das ist eine knifflige Frage. Denn natürlich wollen wir als Universität mit gutem Beispiel vorangehen, also ressourceneffizienter werden und Treibhausgasemissionen senken. So erhebt die LMU die Nutzung nachhaltiger Verkehrsmittel wie Bus, Bahn und Rad und nutzt bereits seit 2011 Ökostrom.
Aber die Bedingungen an der LMU sind je nach Bereich sehr unterschiedlich. Im Stadtzentrum gibt es historische, zum Teil denkmalgeschützte Gebäude. Die sind prägend für die LMU, machen energetische Sanierungen oder größere bauliche Veränderungen aber oft deutlich komplizierter als auf einem neuen Campus.
Auf der anderen Seite haben wir moderne Labore und den Klinikbetrieb. Dort bringen sehr ressourcenintensive Arbeitsabläufe ganz eigene Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig ist auch der Einsatz von KI mit erheblichen ökologischen Auswirkungen verbunden, da insbesondere energieintensive Rechenprozesse, steigender Strombedarf und der Ressourcenverbrauch von IT-Infrastruktur die Umwelt zusätzlich belasten. Man kann also nicht mit einer einzigen Lösung auf die ganze Universität schauen.
Die Strategie will soziale Nachhaltigkeit an der LMU stärker mitdenken. Denn nachhaltige Entwicklung gelingt nicht allein dadurch, dass man Regeln erlässt oder Technik verbessert.Prof. Ralf Ludwig, Chief Sustainability Officer der LMU
Was sieht die Strategie für soziale Nachhaltigkeit vor?
Die Strategie will soziale Nachhaltigkeit an der LMU stärker mitdenken. Denn nachhaltige Entwicklung gelingt nicht allein dadurch, dass man Regeln erlässt oder Technik verbessert. Menschen müssen diese Veränderungen mittragen können. Deshalb geht es auch darum, soziale Folgen stärker in den Blick zu nehmen, Zielkonflikte sichtbar zu machen und Beteiligung zu fördern.
Soziale Nachhaltigkeit heißt deshalb auch, die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen ernst zu nehmen, ihre Entwicklungsmöglichkeiten und ihre Fähigkeit, mit Wandel umzugehen. Gerade eine Universität kann dazu viel beitragen, vor allem über Bildung, aber auch über Diversität und Chancengleichheit
Wie soll der Dialog mit der Öffentlichkeit im Bereich Nachhaltigkeit gestärkt werden?
Wir wollen den Austausch mit der Öffentlichkeit deutlich stärken. Das kann über gemeinsame Veranstaltungen mit der Stadt München geschehen, aber auch mit Unternehmen, NGOs und anderen Partnerorganisationen. Es geht darum, Wissen nicht nur innerhalb der Universität zu erzeugen, sondern es auch nach außen zu tragen und umgekehrt Impulse aus der Praxis aufzunehmen. Mit Newslettern, Podcasts und Social-Media-Angeboten rund um Nachhaltigkeit bietet die LMU bereits Formate, die Austausch und Beteiligung fördern.
Ein besonders spannender Weg sind zudem sogenannte Reallabore. Dabei spricht man in Stadtquartieren mit Menschen, bildet Fokusgruppen und probiert gemeinsam aus, wie bestimmte Veränderungen wirken. Man kann etwa untersuchen, wie Anpassungen im Stadtbild das Wohlbefinden beeinflussen, welche Maßnahmen im Alltag akzeptiert werden und wo soziale Fragen mit ökologischen zusammenhängen.
An der LMU gibt es schon seit Jahren viele Initiativen und viel Engagement im Bereich Nachhaltigkeit. Die neue Strategie soll dafür nun eine klarere Struktur schaffen.Prof. Ralf Ludwig, Chief Sustainability Officer der LMU
Wer wird die Strategie an der LMU umsetzen?
An der LMU gibt es schon seit Jahren viele Initiativen und viel Engagement im Bereich Nachhaltigkeit. Die neue Strategie soll dafür nun eine klarere Struktur schaffen. Deshalb gibt es jetzt die Rolle des Chief Sustainability Officers (CSO), die derzeit ich übernehme. Ein CSO berichtet direkt an das Präsidium und soll Nachhaltigkeit als übergreifendes Thema an der LMU voranbringen. Dazu kommt ein Sustainability Office, also eine zentrale Einheit, in der die operative Arbeit zusammenläuft und organisiert wird. In diesem wirken außerdem vier Sustainability Officers für die Themenfelder Forschung, Studium und Lehre, Transfer sowie Campus und Betrieb.
Unterstützt wird das Sustainability Office von einem Nachhaltigkeitsausschuss, in dem Professorinnen und Professoren, Studierende, der wissenschaftliche Mittelbau und die nichtwissenschaftlichen Mitarbeitenden vertreten sind. Zusätzlich gibt es in jeder Fakultät Nachhaltigkeitsbeauftragte, die das Thema vor Ort weitertragen und die Beteiligten vernetzen und mobilisieren. Wichtig ist zudem die Zusammenarbeit mit dem studentisch betriebenen Green Office am Campus Martinsried, dem weitere folgen sollen, sowie mit dem Umweltreferat der Studierendenvertretung.
Wie weit ist die LMU insgesamt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit?
Ich würde sagen: weiter, als man auf den ersten Blick vielleicht sieht. Schon jetzt gibt es sehr viele Initiativen, Projekte und Menschen, die an diesem Thema arbeiten. Seit es etwa den LMU Nachhaltigkeitsfonds gibt, werden zahlreiche Projekte unterstützt, die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit adressieren, zum Beispiel auch für einen ressourcenschonenderen Laborbetrieb. Dabei engagieren sich auch Studierende stark, gerade bei den sehr praktischen Fragen im Alltag der Universität, wo es um Betrieb, Verbrauch oder konkrete Verbesserungen geht.
Was möchte die LMU mit der neuen Strategie langfristig erreichen?
Die Strategie soll dazu beitragen, dass das Thema dauerhaft ernst genommen und dynamisch weiterentwickelt wird. Dabei geht es nicht nur darum, Nachhaltigkeit an der LMU besser zu organisieren, sondern sie auch aktiv mitzugestalten. Unser Ziel ist, dass die LMU ein Ort ist, an dem neue Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit entstehen, diskutiert und in die Gesellschaft getragen werden.
Die neue Nachhaltigkeitsstrategie der LMU wird auf der Website LMUgreen veröffentlicht. Diese stellt die Nachhaltigkeitsaktivitäten der Universität dar, macht ihre Selbstverpflichtung zu nachhaltigem Handeln sichtbar und bietet Orientierung. Sie zeigt Beteiligungsmöglichkeiten für LMU-Angehörige auf und informiert über Initiativen, Förderangebote und Weiterbildungen. „Shaping sustainability together“ ist dabei als Einladung zu verstehen, Nachhaltigkeit an der LMU gemeinsam zu gestalten.